Der Sturm im Wasserglas- Rückschau Vietnam

Rückschau Vietnam und die Zeit danach- Der Sturm im Wasserglas

Vier Wochen bin ich jetzt wieder in Deutschland, etwa der gleiche Zeitraum, den ich in Vietnam verweilen durfte. Vier Wochen Reise, die mich aufgewirbelt haben wie Sandkörner in einem geschlossenen Wasserglas, welches mit viel Kraft einmal gehörig durchgeschüttelt wird. Und durchgeschüttelt wird. Und durch….
Vorab war es in meinem Wasserglas locker flockig, ich hatte viel Zeit damit verbracht, den Sand in schönen, mehr oder weniger stabilen Langen aufzuschichten, hatte Nischen eigerichtet, gemütlich und einladend. Hatte Wege geschaffen, lang und verwunschen, deren Landkarte ich aber bald unvergesslich im Kopf hatte. Mit besonderen Orten, die ich kannte, um bei nahezu allen Umständen darin verweilen zu können. Dann und wann tobte ein kleiner Wassersturm durch mein Glas, lockerte die Oberfläche, wirbelte etwas herum, was sich aber bald wieder sanft obenauf absetzte. Ein wenig neu, ein wenig verwunschener, vielleicht auch mal auch ein wenig gradliniger. Mein Leben war im Reinen, als ich die Reise antrat, mein Komfortzone groß, harmonisch, liebevoll und für meine Verhältnisse nahezu geordnet. Ich hatte vorab sortiert, bereinigt und geordnet, gearbeitet und Strukturen erschaffen.
Und dann zog plötzlich mit der Landung in Asien dieser Wind auf, erfrischend und warm. Zunächst sanft brach er die Oberfläche meines Wasserstrandes auf, wirbelte Körnchen für Körnchen in die Luft, zupfte hier und zog dort. Hier und da ebbte er auf, um dann kurz drauf wieder aufzufrischen und noch weiter in die Tiefe zu gehen, immer mehr Sand nach oben zu katapultieren. Und so sollten in den vier Wochen Reise quer durchs Land meine vorab gezogene Pfade, Räume und Schichten einer ums andere einstürzen, sollten sich vermischen zu einem einheitlich braunem Brei, aus dem als Urstoff sämtliche neuen Räume, Wege und Nischen erschaffen werden konnten. Erstklassiges Material, voller Stabilität, Stärke und Energie. Mit einer Kraft, die über allem schwebte, als ich das Flugzeug in Richtung Deutschland wieder bestiegt. Mit meinem Wasserglas mit dem aufgewühlten Sand fest unter dem Arm, allerdings auch einer sehr losen Zettelsammlung an Bauplänen, ähnlich denen einer Aufbauanleitung für einen Ikea- Schrank, die nur auf Schwedisch vorhanden nun auch noch von einem ein Kleinkind zerrupft und bemalt worden war. So hatte ich zwar meine Gedanken und Pläne während der Reise niedergeschrieben, jedoch immer wieder verworfen, neu gedacht, geplant, überlegt und war dann doch immer wieder den bunten Schmetterlingen des Landes hinterher gelaufen oder hatte mich in der unendlichen Schönheit und Gelassenheit des Landes verloren. Hatte aber zugleich an Stärke und Mut gewonnen, alles machen und schaffen zu können, was ich nur möchte. Und damit fing erneut der Sturm an, der gute vier Woche dauern sollte. Turbulent war der Rückflug, schüttelte mich und mein Wasserglas noch einmal ordentlich durch. Und damit wurde auch noch einmal die Bauanleitung für die Wasserglaseinrichtung ordentlich durcheinander gewirbelt. Tsunamiartig und unnachgiebig. Euphorisch war ich gelandet, voller Eindrücke und Erfahrung, die mich mein Leben lang bereichern werden. Habe von der vietnamesischen Lebensweise gelernt, Ruhe, Gleichmut und Freundlichkeit stärker integriert und strikte Gedankenhygiene betrieben. Was nervt, fliegt raus, ob Menschen, Gedanken oder Erlebnisse. Habe reduziert, was es noch zu reduzieren gab. Habe Pho, meine morgendliche Nudelsuppe als festes Frühstück integriert. Habe mehr Musik in mein Leben gelassen. Sofort jede Menge neuer Dinge ausprobiert, mit Mut, innerer Stärke und Kraft. Habe beschlossen, weniger, dafür nachhaltiger zu arbeiten. Mit mehr Sinn und Nutzen für mich und die Menschen drumherum. Nicht dem Geld hinterher, sondern den Erfahrungen und Begegnungen, die es gilt zu machen, um Bereicherndes in sein Leben zu lassen.  Zudem gab es auch einen bohrenden Zweifel an den vorab gelebten Konventionen und Werten. Nach und nach machte mir die Unzufriedenheit in Deutschland mehr und mehr zu schaffen. Dieses Jammern auf hohem Niveau, um nichtige Kleinigkeiten, die das Wort Problem nicht verdienen. Dieses Jagd nach Konsumgütern, mit vollen Händen einkaufen, auch wenn wir schon längst nichts mehr tragen können. Die riesengroßen Wohnungen, die dekadent Platz für nur wenige Bewohner bieten. Und oft so leer sind, da jeder für sich alleine lebt. Gedanken, die sich nachts wie tags in mein Hirn schlichen und stürmisch auch wieder durch das Wasserglas peitschten, wo der Sand grade begonnen hatte, sich im sanften Wind der Euphorie abzusetzen. Getriebene Rastlosigkeit stellte sich ein, die zwar unendlich Energie, aber zugleich auch eine gewisse Orientierungslosigkeit in sich hatte. Wie das Sandkorn im geschüttelten Wasserglas taumelte ich von Ereignis zu Ereignis- gute Dinge, Abenteuer und Lebensbereicherndes, jedoch von Ruhelosigkeit und Verwirrung getrieben. Ich hatte auf einmal alle Möglichkeiten, die es nur gibt, das zu tun und zu erreichen, was ich wirklich will. Dorthin zu schauen, was ich sehen will. Die Menschen zu treffen, von denen ich lernen kann, die mir gute Gedanken und ein offenes Herz bescheren. Habe in kurzer Zeit intensiv und arglos gelebt, aber auch viel gehadert und Grundsätzliches hinterfragt. Habe gelitten und gezweifelt an vielem, was vorher da war.
Und heute habe ich verstanden warum.
Mein Wasserglas ist in Vietnam aufgebrochen, hat sich einfach in tausende von kleinen Körnchen inmitten des Sandsturmes aufgelöst. Mit ihm auch der eigene beschränkte Horizont, der immer wieder Grenzen gesetzt hat. Schon immer  transparent und auch den Blick nach aussen wendend, aber ohne den Gedanken, das Wasserglas überhaupt verlassen zu können. Nun bin ich aus dem Wasserglas hinaus gespült worden mit meinem Sand, mit Mut, Kraft und Energie, mit meinen Fähigkeiten, die untrennbar mit mir verwoben sind. Nur habe ich jetzt die Möglichkeit jegliches Terrain drumherum zu besiedeln, neue Materialien hinzu zunehmen, die einfach in der neuen Landschaft zu finden sind. Zu bauen, einzureissen und weiter zu ziehen. In jede erdenkliche Richtung. Die Karte dazu wird meine Zukunft malen, mit Liebe, Lust und Leidenschaft, diese neue Welt so zu erkunden und zu gestalten, dass die schier unbeherrschbare Kraft meines Inneren niemals versiegen wird. Das weiss ich fest! Denn ich habe verstanden, dass wir alle grenzenlos frei sind, jeder für sich und alle zusammen! Danke, Leben, was uns gegeben!

 

„Ich such nicht mehr und finde nur,
kommt sowieso an den Start, was kommen mag.
Ich such nicht mehr und finde nur
war sowieso jemand da.
Ist immer jemand da,
war immer jemand da,
der mir tief in den Kopf sagt:

YEAH YEAH YEAH
YEAH YEAH YEAH“

(Zitat aus dem Song „Kraniche“ von BOSSE der seitdem mit dem Sandsturm in meinem Kopf tobt)